Ein Zeugnis unter einem Schrank

Hausaufgaben mit Mitte 30?

Ein unerwartetes Phänomen ist bei uns eingezogen, als die Kinder in die Schule kamen. Aber jetzt ist mir was eingefallen…

Ich musste lange suchen.

Erst im Wohnzimmer, dann im Arbeitszimmer, im Flur hinter den Staubtüchern (Ach so, dahin also ist der Rest Fischfutter gekommen. Das Aquarium hab ich allerdings schon seit vier Jahren nicht mehr), im Bücherregal (in dem immerhin der Elternbrief mit der Einladung zur – leider verpassten – Pflegschaftssitzung letzte Woche auftauchte) und aus Verzweiflung sogar zwischen diversen Seifenrest-Packungen im Badezimmer.

An den Keller dachte ich zuletzt.

Aber richtig, dort, unter dem vorletzten Regal, fast ganz hinten, ganz unten neben originalverpackten Lehrbüchern, die ich irgendwann in der Ausbildung unbedingt lesen wollte: der Aktenordner mit der kurzen Bezeichnung „Zeugnisse“.

Etwas blättern…

Weitersuchen.

Mal unter dem Regal suchen.

Staubsauger holen, saugen, weitersuchen…

Da ist es.

Schwarz auf Weiß.

Ich habe einen Schulabschluss.

Schon ein paar Jahre her, daher der etwas angestaubte Lagerplatz, aber ganz klar ein Zeugnis über erfolgreich absolvierte 13 Schuljahre.

Ich hab das nicht geträumt.

Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich zum Zeitpunkt der Zeugnisübergabe noch nüchtern genug war, um mitzubekommen, dass Schulleiter, Lehrer und Elternvertreter uns verabschiedet haben. Uns – also den ganzen Jahrgang.

Mich eingeschlossen.

Tschö mit Ö – oder so ähnlich, natürlich mit viel mehr und viel schöneren Worten, die sicherheitshalber in nett gebundener Version an alle Anwesenden verteilt wurden.

Gut, jetzt, wo ich sie noch einmal lese, fällt er mir natürlich auf: der kluge Spruch vom „lebenslangen Lernen“.

Oh Mann, ich Dummerchen habe damals doch echt gedacht, dabei ginge es um Erfahrungen, Weisheiten und praktische Fertigkeiten.

Nein, weit gefehlt.

Es war einfach der freundliche Hinweis darauf, dass rund zehn Jahre (bei einigen mehr, bei anderen weniger) später der ganz normale Schulwahnsinn sich wiederholen würde.

Denn seit der Einschulung meiner Kinder darf auch ich wieder zur Schule gehen.

Beziehungsweise muss es.

Habe ja nicht darum gebeten.

Zumindest habe ich wieder Hausaufgaben.

Die bringen mir meine Kinder freundlicherweise jeden Tag mit, wenn ich mal wieder zugunsten des Geldverdienens oder einfach aus Faulheit den Unterricht geschwänzt habe.

So wie heute. Da bekam ich eine halbfertige Kunstarbeit mit dem Kommentar: „Unsere Lehrerin sagt, die kleben die Eltern.“

Keine Ahnung, was das überhaupt werden soll, aber klar. Mach ich.

Kann ich.

Direkt, wenn ich mit der Recherche für das Referat über Tiger für die große Schwester fertig bin.

(Wobei ich darauf hinweisen möchte, dass es schon gemein ist, dass ich gleich in zwei Jahrgängen unterrichtet werde. Ich meine, früher reichte doch eine Klassenstufe auf einmal auch.)

Aber der Arbeitsauftrag des Lehrers zum Thema Referat lautete nun einmal: „Das sollen die Eltern für uns machen, weil wir ja noch nicht so viel am Computer arbeiten können“, wie mir meine Tochter erklärte, während sie sich gerade in den übernächsten Level ihres Online-Games hackte.

Gefolgt von der mich dann doch überraschenden Frage: „Was ist überhaupt ein Referat?“

Sollte man nicht zumindest das in der Schule noch mit den Schülern besprechen…

Obwohl, verständlich, dass der Lehrer sich mit diesen Feinheiten nicht die Unterrichtszeit vollstopft. Von Erwachsenen kann ich ja wohl verlangen, dass sie wissen, wie das geht.

Aktuell lerne ich außerdem in Mathe noch einmal die Rechengesetze, etwas Interpretation in Deutsch und … Mist, Bio hab ich vergessen.

Muss kurz los, nachsehen, wie die Einzelteile der Zellen heißen…

Vorgestern hab ich drei Stunden an diesem dämlichen Diagramm für Erdkunde gesessen (Zitat Kind: „Dabei sollen uns die Eltern ja auch helfen, wenn wir mal was nicht verstehen.“)

Aber die Vokabeln klappen immer besser – zumindest bei mir.

Und wenn ich mir ein bisschen Mühe gebe, bekomme ich sicher mindesten ne Zwei für das Kunstding. Kreativ sieht es wirklich aus.

Was deutlich besser ist als diese dumme Mutter von der komischen Klassenkameradin.

Die nimmt nämlich jetzt schon Nachhilfe – weil sie zu viele Fehler einbaut in Töchterchens Hausaufgaben.

Die Tochter kommt eigentlich ganz gut klar, hat aber nun wirklich nicht die Zeit, Mamas Aufsatz zu korrigieren.

Besagte Mutter, die etwas im Stress war, weil sie ihre Tochter zum Ballett bringen musste und darum bei mir meine Aufgaben abschreiben wollte, erklärte es mir so: „Das Kind soll ja einen guten Schulabschluss bekommen. Da muss man als Mutter eben jeden Tag mitarbeiten.“

Tja, und bei dem Stichwort „Schulabschluss“ fiel es mir plötzlich ein.

Ich hatte doch mal so ne Riesenparty von wegen letzter Schultag…

Davon musste doch noch ein Abschlusszeugnis irgendwo rumliegen…

Und wie gesagt, ganz hinten, ganz unten im Keller hab ich es auch gefunden.

Also ab damit auf den Kopierer, dann schnell die Präsentation für das Tiger-Referat erstellt, ins Auto, zum Amt, eine Nummer gezogen, die Wartezeit für die Deutschlektüre genutzt, dran gekommen, Kopie beglaubigen lassen.

Ein Brief sollte es richten

Morgen kann meine Tochter folgenden Brief im Sekretariat abgegeben:

Sehr geehrte Lehrer meiner Tochter,

ich freue mich über Ihr Interesse an meiner schulischen Weiterbildung.

Leider unterliegen Sie allerdings einem – selbstverständlich nachvollziehbaren – Irrtum.

Ich habe, wie Sie bitte der Anlage entnehmen, bereits einen Schulabschluss.

Aus meiner Sicht wäre es daher völlig ausreichend, wenn Sie meine Tochter in die Welt der Zahlen, Vokabeln und komplexen Zusammenhänge einführen würden.

Sollte das dem Konzept einer modernen, von elterlicher Mitarbeit geprägten Schule widersprechen, lassen Sie mir bitte die notwendigen Anmeldeunterlagen zukommen.

Ich werden dann anstelle meiner Tochter am Unterricht teilnehmen, sobald ich von meinem Arbeitgeber freigestellt werde. Ich hoffe, eine Erstattung meines Gehalts von Ihrer Seite ist kein Problem.

Mit freundlichen Grüßen

XXXXX

Anlage: Kopie meines Abschlusszeugnisses

Mein Weihnachtszaubertrick
Hausaufgaben – Nachtrag

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published / Required fields are marked *